Soziale Medien bedürfen dezentraler Entscheidungen

Fragen an Prof. Ralf E. Strauß

Prof. Ralf E. Strauß ist u.a. Managing Partner der Unternehmensberatung Customer Excellence und Professor für Digitales Marketing & E-Business an der Hamburg School of Business Administration. Seit Ende 2013 ist der 49-jährige Hamburger zudem Präsident des Deutschen Marketingverbands.

Am Montag, 10. März, kommt Strauß zu einem Vortrag nach Oldenburg. Aus Anlass des Marketing-Forums des Marketing-Clubs Weser-Ems und des Arbeitgeberverbands Oldenburg referiert er zum Thema Marketing der Zukunft. Anschließend diskutieren Experten aus der Region.

Frage: Welches war die beste Werbung, die Ihnen kürzlich aufgefallen ist?

Strauß: Ich bin aufmerksam geworden auf die Werbung eines Bierherstellers, ein süßer Spot: Eine Frau zeigt ihren Freundinnen die neue Wohnung, in einem der Zimmer sind nur Damenschuhe – die Damen schreien vor Freude. Im gleichen Augenblick jubeln auch die Herren nebenan: Für sie gibt es einen begehbaren Kühlschrank voller Bierflaschen. Der Marketingleiter des Herstellers sagte, das sei ein universal gültiger Humor, den man selbst im asiatischen Sprachraum versteht. Er stoße nirgendwo kulturell negativ auf.

Frage: Was macht gutes Marketing aus?

Strauß: Marketing ist nicht nur Werbung und bunte Bilder. Es geht darum, welche Zielgruppe mit welchen Produkten mit welchem Preis über welche Vertriebskanäle bedient wird. Es geht nicht nur um die reine Werbung, sondern darum, voll umfänglich zu sehen, wie ich Kunden adressieren kann.

Frage: Welche ist momentan die größte Herausforderung, vor der gutes Marketing steht?

Strauß: Das Problem heute ist der höhere Informationsgrad der Kunden, die über Social Media untereinander im Austausch stehen. Die Kunden erwarten, überall gleichartig bedient zu werden – egal, über welchen Kanal sie eingeflogen kommen, egal, ob im Call-Center oder vom direkten Vertriebsmitarbeiter. Dezentrale Organisation spielt auch eine Rolle: Der Social-Media-Leiter eines Unternehmens sollte heute selbstständig innerhalb von zehn bis 15 Minuten reagieren können, er muss also dezentralisiert Entscheidungen treffen dürfen.

Frage: Kann eine gute PR-Arbeit heutzutage noch ohne Social Media auskommen?

Strauß: Ich denke nicht. Insbesondere im Bereich Elektronik oder beim Autokauf kommen bis zu 90 Prozent der Kunden bereits vorab per Internet informiert ins Geschäft rein – kennen alle Tests, die Marge des Verkäufers und sagen: „Jetzt versuch' mal, mir was zu verkaufen." Gerade bei höherwertigen Produkten wissen die Kunden sehr genau, was sie haben möchten.

Frage: Welche Rolle spielen da noch klassische Medien?

Strauß: Die spielen nach wie vor eine große Rolle. Gerade, wenn es darum geht, Marken zu machen und Wahrnehmung zu tragen. Ob das in zehn oder 15 Jahren immer noch so sein wird – wir werden sehen. Die Fernsehnutzung nimmt ab. Nicht nur in der Stundenanzahl pro Woche, sondern – und das ist viel fataler – auch qualitativ: Der Fernseher läuft nur noch nebenbei, wie ein Radio.

Quelle: Nordwest-Zeitung (NWZ), www.NWZonline.de (Jantje Ziegeler)